Ornament und Rhetorik
Bei Vitruv und Alberti leuchtet die schon in der griechischen Antike gegebene Herkunft des Ornamentbegriffs aus der Rhetorik durch. Es besteht eine Verbindung zum rhetorischen ornatus unter dem Eindruck des Horaz’schen „Ut pictura poesis erit“ („Dichtung ist wie Malerei“), das heißt der Begriff wird über Redekunst und Dichtung hinaus auf die Architektur und die bildenden Künste im allgemeinen angewendet, in der frühen Neuzeit vor allem aus dem Geist des Humanismus heraus. So lässt sich die Integration der Baudetails in die Ornamentik in der Neuzeit erklären, besonders bei Alberti, der ja selbst aus der Dichtung seinen Weg zur Kunsttheorie fand.
Der römische Rhetor Quintilian legte in der 1415 von Poggio Bracciolini in der Bibliothek des Klosters Sankt Gallen für die Neuzeit wieder entdeckten „Institutio oratoria“ (92–96 n. Chr.) fest: „Das Geschmückte ist alles, was mehr ist als nur klar und genau.“ Schmuck wird so als das Wesentliche eines Kunstwerks herausgehoben, acutum (Witz), nitidum (Glanz), copiosum (Fülle), hilare (Lebhaftigkeit), iucundum (Charme), accuratum (Sorgfalt) werden als die Komponenten der gratia bei Quintilian genannt, die in seiner Sicht eine Rede zum Kunstwerk macht.
Derartige Begrifflichkeiten werden bis ins 18. Jahrhundert außerrhetorische Kunsturteile mitbestimmen. Die Ornamentik wird auf diese Weise auch zu einer Art Sprache, dem gebildeten Betrachter in ihrer Rhetorik verständlich.
Bernd Evers, Rainald Franz
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