Bestimmung und Entwicklung des Begriffs Ornament


Das Bedürfnis des Menschen zur ornamentalen Gestaltung kann als universal bezeichnet werden, hat doch jede Kultur die für sie charakteristischen Schmuckformen hervorgebracht. Eine gegenläufige Tendenz des 20. Jahrhunderts, die das „Ornament als Verbrechen“ bezeichnete, muss als Reaktion auf das von Schmuckformen überladene späte 19. Jahrhundert gewertet werden und somit als Ausnahme gelten.
Das Ornament leitet sich vom lateinischen Verb ornare = schmücken ab und ist dem alten, im deutschen Sprachraum geläufigen Terminus Zierrat annähernd gleichbedeutend. Über das Schmückende hinaus wurde aber auch häufig die Gesamtheit eines Entwurfs, das heißt eine Komposition als Ganzes mit dem Begriff Ornament bezeichnet. Der Begriff Ornament ist abzugrenzen gegen den der Dekoration und des Musters. Ornament ist ein einzelnes stilisiertes Bild, das beliebig gereiht werden kann.
Das altgriechische Wort kosmos bedeutet Schmuck, Dekoration, Ornament, aber auch die Welt als Ganzes, das davon abgeleitete kosmima steht konkret für Ornament, das heißt die Wohlgeordnetheit als Grundbedingung des Schönen.
Die lateinische Sprache kennt das Wort ornamentum: Ausrüstung, Kostüm, Rangabzeichen. Rhetorische oder literarische Wendungen zur Ausschmückung der Rede oder des Texts werden darunter ebenso subsumiert wie ein einzelner Schmuckgegenstand.
Wichtigste Quellen zur Erforschung der Bedeutungsinhalte und Entwicklung des Ornamentbegriffs sind die kunsttheoretischen Äußerungen seit der Antike. Die theoretische Reflexion erklärt den Bedeutungswandel des Begriffs und liefert gleichzeitig eine Stilgeschichte des Ornaments.
Vor allem ist auf die Architekturtraktate zu verweisen, weil sich die wichtigsten antiken und neuzeitlichen Ornamente aus der Architektur herleiten oder primär in der Architektur Anwendung finden.
Der augusteische Architekt Marcus Vitruvius Pollio definiert in seiner „De architectura libri decem” („Zehn Bücher über Architektur“, um 33 v. Chr.) mit dem Wort ornamentum Ausstattung, Schmuck des Bauwerks wie Voluten, Blüten, Gesimse, aber auch Requisiten für das Theater.

Bernd Evers, Rainald Franz

 

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