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Die Ornamentstichsammlung der Berliner Kunstbibliothek

Das 1867 als Deutsches Gewerbemuseum gegründete, mit einer Unterrichtsanstalt verbundene, spätere Kunstgewerbemuseum, besaß neben einer kunstwissenschaftlichen Bibliothek grafische Sammlungen, die den Kunsthandwerkern und den Architekten Anregungen vermitteln sollten. Bereits 1894 wurde die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums eine eigenständige Abteilung der Königlich-Preußischen Museen und führt seit 1924 den Namen Kunstbibliothek.
Es mag zunächst erstaunen, dass neben den grafischen Entwürfen für alle Bereiche der angewandten Kunst in der Berliner Ornamentstichsammlung auch bildliches und literarisches Quellenmaterial zur Kunsttheorie, Traktatliteratur, Perspektiv- und Proportionslehre, Ikonografie und Ikonologie sowie der Emblematik und Kalligrafie gesammelt wurde. Der Begriff „Ornamentstich“ ist von Beginn an weit gefasst worden.
Lehrbücher und Aufnahmen zur Baukunst, die Entwürfe und Darstellungen dekorativer Malerei im Innenraum und an der Fassade, Bühnenbilder, Lehr- und Musterbücher für Schrift und Druck bilden Kernbereiche der Ornamentstichsammlung.
Der „Katalog der Ornamentstichsammlung der Staatlichen Kunstbibliothek Berlin“ aus dem Jahre 1939 verzeichnete mit 5.369 Titeln und 140 Nachträgen den weltweit einzigartigen Bestand der Sammlung. Durch Kriegseinwirkungen erlitt die Sammlung schwere Verluste. Nahezu die Hälfte der gebundenen Stichfolgen und Quellenwerke ging verloren, darunter alle großformatigen Bände.
Obwohl viele durch Kriegsverluste entstandene Lücken noch nicht geschlossen werden konnten, besitzt die Kunstbibliothek heute wieder alle wichtigen Standardwerke und Stichfolgen zur europäischen Ornamentgeschichte.
Die französischen Ornamentschöpfer des 17. und 18. Jahrhunderts, deren Arbeiten für die europäische Raumkunst von größter Bedeutung waren, sind durch Jean Le Pautre, Jean Bérain, Daniel Marot, Gilles Marie Oppenordt, Antoine Watteau und Juste-Aurèle Meissonnier vertreten. Das deutsche Rokoko-Ornament ist durch Stichfolgen von Francois de Cuvilliés, Franz Xaver Habermann, Johann Esaias Nilson und Jeremias Wachsmuth eindrucksvoll belegt.
Das bedeutendste Architekturtraktat der Antike, Vitruvs „De architectura“, seit seiner Wiederentdeckung im Quattrocento ein für die Baukunst und Architektenausbildung grundlegendes Werk, ist in verschiedenen, zum Teil kommentierten Ausgaben vom frühen 16. Jahrhundert bis zum späten 18. Jahrhundert vorhanden. Zu nennen sind ferner die mit Stichen ausgestatteten theoretischen Schriften der italienischen Architekten des 15. bis 17. Jahrhunderts, darunter Leone Battista Alberti, Sebastiano Serlio, Giacomo Barozzi da Vignola, Andrea Palladio, Vincenzo Scamozzi, Andrea Pozzo oder die der Franzosen Jacques Ducerceau, Philibert de l’Orme, Germain Boffrand und Jacques-François Blondel.
Eine unschätzbare Quelle für die Topografie, aber auch für die praktischen Aufgaben der Denkmalpflege sind Ansichtenwerke, mit einzelnen Bauten oder ihre Einordnung in einen städtebaulichen Zusammenhang wie z.B. Salomon Kleiners Kirchen und Paläste der Stadt Wien, Matthes Daniel Pöppelmanns Werk über den Dresdener Zwinger, Karl Friedrich Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe oder die venezianischen Veduten Antonio Canalettos.
Zu den wichtigsten Publikationen für die archäologische Topografie zählt eine Sammlung römischer Bauten und Kunstwerke aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das „Speculum Romanae Magnificentiae“ des in Rom tätigen französischen Stechers und Verlegers Antonio Lafreri, sowie die seit 1748 in Rom erschienenen Werke Giovanni Battista Piranesis.
Die Einzigartigkeit der Berliner Ornamentstichsammlung resultiert aber nicht allein aus dem Reichtum ihrer Bestände. Für die praktische Forschungsarbeit ist ihr sinnvoller Zusammenhang mit den weiteren Sammlungsbereichen der Kunstbibliothek ebenso wichtig: mit der Sammlung der Handzeichnungen, die vielfach Blätter derselben Künstler, oft Vorzeichnungen für ihr gestochenes Œuvre enthält, mit der Sammlung der modernen Gebrauchsgrafik, die eine neuzeitliche Ergänzung und Erweiterung der Ornamentstichsammlung bildet, mit der Lipperheideschen Kostümbibliothek, deren Bestände Parallelen auf den Gebieten der Tracht und Mode, des Festwesens und des Theaters aufweist, mit der Sammlung Buchkunst, die Belege zur alten und modernen Typografie und Illustration beinhaltet, und nicht zuletzt mit den Literaturbeständen der umfangreichen kunstwissenschaftlichen Bibliothek.

Bernd Evers

 

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