
Die UPM-Ornamentstichsammlung
Im Jahre 1885 wurde das Kunstgewerbemuseum in Prag von der Prager Handels- und Gewerbekammer (Obchodní a zivnostenská komora) gegründet. Den Grundstock der heutigen Grafiksammlung bilden künstlerisch ausgestattete und besonders wertvolle Buchdrucke. Sie wurden eigentümlicher Weise wegen der reich verzierten Bucheinbände angekauft. Dank des Fachinteresses der ersten Museumsdirektoren, Karel Chytil (1857–1934) und Frantis
ek A. Borovsky (1852–1933), wurde das Akquisitionsprogramm allmählich erweitert und die Aufmerksamkeit galt nun auch der Entwicklung der Geschichte der Schrift, der Buchillustrationen, der Titelblätter und schließlich der Buchgestaltung als Gesamtkunstwerk schlechthin.
Gleichzeitig mit der Bibliothek entstand ab den 1880er Jahren die so genannte Vorbildersammlung, die sich durch den Bezug auf die anderen kunstgewerblichen Bereiche definierte. Diese, ursprünglich in der Museumsbibliothek konstituierte, systematisch geordnete Sammlung umfasste auch zahlreiche Ornamentstiche. Wie in anderen Sammlungsbereichen des Museums war man bemüht, zur Hebung des handwerklichen Niveaus in Böhmen beizutragen. Die Vorlagenblätter dienten vor allem den Studenten der Kunstgewerbeschule in Prag als Studienobjekte und Musterblätter für den Zeichenunterricht.
Später wurden die Ornamentstiche vom Bestand der Museumsbibliothek separiert und mit den anderen grafischen Beständen zusammengelegt. Heute bilden sie gemeinsam mit der Sammlung an Büchern, der Foto- und Plakatsammlung eine von vier Museumsabteilungen. Die Sammlung beherbergt etwa 300.000 Objekte, davon ca. 35.000 Plakate, 70.000 Fotopositive (tschechische und europäische Künstlerfotografien) und ca. 30.000 Bücher. Die Zeichnungen und Grafikbestände (ohne Plakate) schätzt man auf mehr als 100.000 Blätter – die wichtigste Sammlung bilden Entwürfe und Vorlagen (30.000 Objekte), Exlibris (etwa 15.000 Objekte), Devotionaliengrafik (15.000 kleine Andachtsbildchen), ergänzt durch Gelegenheits- und Werbegrafiken, Diplome, Kalender, Spielkarten, Etiketten, Ansichtskarten, Tapeten und dergleichen mehr. Eine Sammlung des zeitgenössischen Graphik- Design rundet die Sammlung zur Gegenwart hin ab.
Mit der Geschichte der Ornamentstichsammlung sind nicht nur ihre Gründer und Kuratoren eng verbunden – Frantis
ek A. Borovsky war beispielsweise ein anerkannter Experte historischer Stiche und Kenner des Œuvres von Wenzel Hollar –, sondern auch ihre Donatoren und Mäzene. So hat das Kunstgewerbemuseum wertvolle Sammlungsbestände von grafischen Blättern, Ornamentvorlagen und Architekturbüchern durch großzügige Schenkungen von Unternehmern und Sammlern wie Adalbert Freiherr von Lanna (1836–1909), dem Buchbinder Jan V. Spott (1853– um 1935) oder aus den Nachlässen der tschechischen Architekten Antonín Barvitius (1823–1901) und Josef Fanta (1856–1954) erworben.
Nach Themen sind die bedeutendsten Drucke nach Architekturbüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts geordnet: unter anderem Andrea Palladio, Walter Rivius (Ryff), Hans Vredeman de Vries, Daniel Mayer, Georg Andreas Böckler, Andrea Pozzo, Paul Decker, Johann Jacob Schübler, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Salomon Kleiner, die Wappen- und Emblembücher (Ottavio Strada, Jacobus à Bruck) oder kalligrafische Schreibmuster und ABC-Bücher (unter anderem Anton Neudörffer, Lucas Kilian, Mauro Poggi). Bemerkenswert sind auch seltene Bohemica, wie zum Beispiel die Musterbücher des Johann Balzer oder Marcus Nonnenmachers „Der Architectonische Tischler oder Pragerisches Säulen-Buch“.
Unter den zahlreichen grafischen Einzelblättern, die im Rahmen des Projekts bearbeitet wurden, findet man Grottesken der Renaissancemeister (unter den ältesten z.B. Kupferstiche von Nicoletto da Modena, Agostino Veneziano, Heinrich Aldegrever, Hans Sebald Beham), des weiteren Konvolute von Vorlagen für Metallarbeiten im Spätrenaissance- und Manierismus-Stil (Virgil Solis, Erasmus Hornick, Aegidius Sadeler), ornamentale Phantasien von Stefano della Bella sowie zahlreiche Werke der französischen und deutschen Entwerfer der Barock- und Rokokozeit (Daniel Marot, Jean Le Pautre, Franz Xaver Habermann, Francois de Cuvilliés).
Die Sammlungsbestände des Kunstgewerbemuseums in Prag ermöglichen es, diese Entwicklungsreihe der Ornamentvorlagen noch weiter bis in die Moderne zu verfolgen und die gleichfalls bemerkenswerten, früher zu Unrecht diffamierten Vorlagenwerke des Historismus und des Jugendstils für weitere wissenschaftliche Aufarbeitung zugänglich zu machen (z.B. die berühmten „Documents Décoratifs“ und „Figures Décoratives“ von Alfons Mucha).
Radim Vondráček
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