Ornamental Prints online


Vervielfältigungstechniken wie der Holzschnitt und die später folgenden drucktechnischen Innovationen, wie die des Kupferstichs und der Radierung, waren ab der Mitte des 15. Jahrhunderts Voraussetzung für einen der ersten großangelegten Kulturtransfers innerhalb Europas: dem des Ornamentstichs. Durch ihn war es möglich, Bild- und Ornamentfindung lokaler, regionaler und nationaler Ausprägung netzwerkartig in ganz Europa in größeren Auflagen durch Verleger und Buchdrucker zu distribuieren. Der Transfer von Ornamentstichen als Medium kultureller Botschaften ermöglichte einen sich ständig beschleunigenden Wechsel von Ornamentstilen und -moden. Als Inspiration für Handwerker, Architekten, Baumeister und Kunstgewerbler fanden die Stichvorlagen rasch probate Anwendungsgebiete im erweiterten Kreis der angewandten Kunst. Wie in der Malerei bildeten sich in der Ornamentik charakteristische, nach den Herkunftsländern und -orten benannte Schulen, die über die Jahrhunderte auch Einflüsse aus der indischen und islamischen Welt und dem asiatischen Raum mit in den Ornamentkanon aufnahmen. Heute wird der Begriff Ornamentik fälschlicher Weise ausschließlich mit Schmuckkunst oder Verzierung assoziiert, gleichsam als Beiwerk zur angewandten Kunst. Zu Unrecht wird dem Ornament ein narrativer Charakter abgesprochen; soziokulturelle Hintergründe und Einflussnahmen werden negiert.
Zu den unter dem Begriff Ornamentstich zählenden Vorlagenwerken zählen u.a. Architekturtraktate, Innendekorationen, Emblemata, Signeten, Schriftproben und „freie“ Ornamente. Aber auch Schlachtenanordnungen und Porträts fanden gleichberechtigten Einzug in die Ornamentstichsammlungen. Der Terminus Ornamentstich hat sich als Genrebegriff im Zuge der wissenschaftlichen Aufarbeitungen der Sammlungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts etabliert. An dieser Stelle möchten wir darauf hinweisen, dass nicht nur Stichwerke, sondern auch Drucke unterschiedlichster Techniken unter diesem Begriff subsumiert werden.
Eine besondere Bedeutung kam dem Ornamentdruck im ausgehenden 19. Jahrhundert im Bereich der „Verwissenschaftlichung“ der Kunstgeschichte zu. Die unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen zur Stil- und Formentwicklung beeinflussten maßgeblich das Fach der Kunstgeschichte, halfen geradezu es zu entwickeln.
So verwundert es nicht, dass die ersten Kunstgewerbemuseen, wie das South Kensington Museum (heute Victoria & Albert Museum, London, 1852), das UPM – Uměleckoprůmyslové museum (Prag, 1885), die damals dem Deutschen Gewerbemuseum angegliederte Kunstbibliothek (Berlin, 1867) und das k. k. Österreichische Museum für Kunst und Industrie (Wien, 1863, heute MAK) schon sehr früh Ornamentstiche als Vorlagenwerke für ihre SchülerInnen und StudentInnen in großer Anzahl akquirierten.
Als bedeutende historische Quellen werden Ornamentdrucke heute nicht nur von der Kunstgeschichte, sondern auch von den so genannten Cultural Studies unter verschiedensten Aspekten einer neuen wissenschaftlichen Fragestellung unterzogen. Höchste Zeit, diesem Trend ein zweckmäßiges Werkzeug in Form eines Online-Quellenstudiums zur Verfügung zu stellen, denn auch das moderne Design und die Architektur haben den Ornamentstich als Mittel der Lehre und der Inspiration wieder entdeckt. So nobilitieren heute „Stararchitekten“ ihr Werk in ihrer „ratiocinatio“ gerne mit Architekturtraktaten, deren philosophisch-ästhetische Wurzeln auf Vitruvs „De architectura libri decem“ zurückzuführen sind.
Den Schwerpunkt des vorliegenden Projekts bilden Ornamentstichvorlagen aus dem 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Drei anerkannte Fachinstitutionen im Bereich der angewandten Kunst, die Staatlichen Museen zu Berlin – Kunstbibliothek, UPM – Uměleckoprůmyslové museum (Kunstgewerbemuseum) in Prag und das MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst in Wien mit ihren bedeutenden Sammlungen an historischen Ornamentstichen haben 2006/07 mit finanzieller Unterstützung der EU im Rahmen des Programms „Kultur 2000“ an diesem Projekt zusammengearbeitet und rund 32.000 Ornamentstiche online (www.ornamentalprints.eu) zugänglich gemacht. Die Stiche wurden für dieses Projekt gescannt, formal erfasst und inhaltlich erschlossen.
In Arbeitstreffen in Berlin, Prag und Wien wurden die Projektrichtlinien, die methodischen und technischen Aspekte festgelegt – seit Ende September 2007 ist das Projekt online verfügbar. Eine Einführung in die Geschichte des Ornamentstichs wird dem Benutzer einen virtuellen Zugang in die Thematik vermitteln und soll vertiefend in die Materie einweisen.
Die Partnerinstitutionen, die sich an dem EU-Projekt „Ornamental prints. Dissemination of Design from the Renaissance to the Biedermeier Period“ beteiligten, begreifen dieses Projekt als Initialzündung im Bereich der Ornamentik. Als langfristige Perspektive dieses Projektes ist der Aufbau eines globalen und leicht zugänglichen Onlinemediums, das zum breitgefächerten Themenbereich der „Ornamentik“ Auskunft gibt und einen weltweiten virtuellen Zugriff auf die drei Ornamentstichsammlungen ermöglicht, geplant.
Zusätzlich erhellen drei Ausstellungen zu den Themenbereichen der Ornamentik („Ornament und Architektur. Das Schöne am Nützlichen“, in der Kunstbibliothek Berlin, „Vorlagenwerke des Manierismus und Barock“ im UPM in Prag, sowie „Vom Grotesken zur Grotteske. Zur Aktualität des Ornaments“ im MAK Wien) wichtige Teilaspekte der einzelnen Sammlungen. Zentraler Bestandteil der drei Ausstellungen wird ein geschichtlicher Abriss zur Entwicklung des Ornamentstichs anhand von signifikanten Beispielen sein, die sich als Duplikate in allen drei Sammlungen befinden.

Peter Klinger

 

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