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Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt eine in Deutschland einzigartige Ornamentstichsammlung. Vergleichbare Sammlungen gibt es im mitteleuropäischen Raum nur in Prag und Wien. Zwar ist jede dieser Sammlungen eine Kostbarkeit für sich, doch erst im Zusammenschluss gewinnt ihr internationaler Rang nachhaltige Strahlkraft. Das EU-Projekt „Ornamental Prints“ nutzt diese Synergien. In einer konzertierten Aktion ergreifen die Kunstbibliothek in Berlin, das UPM – Uměleckoprůmyslové museum v Praze (Prag) und das MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst in Wien die Chance, die Öffentlichkeit und die Wissenschaft für die Faszination ihrer Sammlungen zu begeistern.
Dieses Engagement für das Thema „Ornament“ mag verwundern. Schließlich ist die Beschäftigung mit dem Ornament in der traditionellen Kunstgeschichte eher eine Orchideendisziplin. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die philologische Grunddisposition des Faches Kunstgeschichte. Es werden solche Bildinformationen bevorzugt, die auf sprachliche Inhalte rückführbar sind. Musterbildungen, die gleichsam spontan entstehen und sich – wie etwa die Blattformen in der Natur – eigendynamisch von Epoche zu Epoche ausdifferenzieren, erscheinen philologisch unergiebig und nur am Rande interessant.
Gerade diese Sprachresistenz scheint jedoch die Wesenseigenschaft des Ornaments zu sein. Forscher wie Günter Irmscher sprechen sogar von einer „systemeigenen Logik“ des Ornaments, der mit herkömmlichen hermeneutischen Methoden gar nicht beizukommen ist. So lassen sich beispielsweise für die Krabbe, ein spätgotisches Schmuckelement, in der fraglichen Epoche nur mit Biegen und Brechen die entsprechenden sprachlichen Analogien finden. Die Herleitung eines bestimmten Marientypus aus der Literatur der Mystik fällt weitaus leichter.
Doch selbst wenn sich die Randlage der Ornamentgeschichte im kunsthistorischen Forschungsbetrieb aus den philologischen Wesenszügen des Faches erklären lässt, ist sie noch lange nicht gerechtfertigt. Tatsächlich stellte diese eigensinnige Bildform namens „Ornament“ schon immer den Hauptanteil in der visuellen Kommunikation des Menschen dar. Sie überwuchert fast alles: die Architektur, die Gegenstände des Alltags, die Mode, Printmedien und sogar den menschlichen Körper in Frisuren und Tattoos. Es ist ein fast unendlicher Kosmos der Musterbildung, dessen Entwicklungsgesetze mit den traditionellen Methoden der Kunstgeschichte kaum zulänglich beschreibbar sind. Weit eher ist auf Anregungen aus dem Bereich der Naturwissenschaften zu hoffen, etwa aus der Morphologie, der Phylogenetik oder der Evolutionsbiologie. Eine neue oder zumindest andere Kunstgeschichte ist gefragt …
Aber all dies ist sicherlich Zukunftsmusik. Die Herausforderung der Gegenwart besteht darin, diesen Kosmos des Ornamentalen zunächst einmal kartografisch zu erfassen, das unendliche Material zu systematisieren und für die Forschung in Publikationen und Datenbanken verfügbar zu machen. Es geht darum, die Tore der Sammlungen für die Neugier der Forscher zu öffnen. Das EU-Projekt „Ornamental Prints“ ist ein erster, entscheidender Schritt.

Moritz Wullen

 

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