Das Ornament: Relikt des Vergangenen?
Seit Urzeiten gehören Ornamente zum Menschen, kennzeichnen ornamentale Formensprachen, die Kunst sowie das Kunsthandwerk.
Der Ornamentstich – als eigene Kunstgattung – ist späteren Ursprungs; vom 15. Jahrhundert an dienen grafische Darstellungen von Ornamententwürfen Architekten, Bildhauern und Kunsthandwerkern als Vorlagen. Die Zitationsfunktion kulminiert im 19. Jahrhundert europaweit in Gestalt so genannter Vorbildersammlungen, deren Idealtypisches Kunstgewerbestudenten als Maßstab wahrer Meisterschaft kopieren.
Auch der Wiener Ringstraßenstil bedient sich nach Belieben der verschiedensten historischen Stile. Ob Neogotik, Neorenaissance oder Neobarock, Aristokratie und Bourgeoisie setzten ihrem Wertekanon repräsentative, einer exzessiven Ornamentik frönende Denkmäler; man betrachte beispielsweise den Fassadenstuck mit all seinen Pilastern, Konsolen, Fruchtkränzen, Zahnschnitten usw.
Vom Nutzen oder Nachteil des Ornaments handeln nicht zuletzt die ästhetischen Geschmackskämpfe im Gefolge des Historismus, an der Schwelle zur Moderne ist die Frage nach dem Primat von Form oder Funktion wild umstritten.
Inspiriert von der funktionalistischen Chicagoer Schule à la Louis Henry Sullivan und vom Otto Wagner’schen „Nutzstil“ erklärt der zweckrationalistische Modernisierer und „Reiniger“ Adolf Loos – ein Freund des „Sprachreinigers“ Karl Kraus – alles Ornamentieren zum „Verbrechen“ und Ornamentlosigkeit zum zeitgemäßen Stil. Die „Potemkinsche Stadt“ Wien verstecke Loos zufolge ihre kommerzielle Wahrheit hinter dem Schein historisch stilisierter Fassaden; diese Stilisierung, die Verquickung von Kunst mit Gebrauchsgegenständen/Architektur, sei von Übel, und überhaupt vergeude jegliches neu erdachte Ornament nur Kapital, Arbeitskraft, Gesundheit sowie Material. Dem organisch gewachsenen, mit einer spezifischen Kultur verwachsenen Ornament billigt die rigoristische Ornament-Kritik Loos’scher Provenienz allerdings durchaus ein Existenzrecht zu.
Das Ornament: anthropologische Konstante oder Relikt des Vergangenen? Gerade in postmodernen Zeiten mutet diese Streitfrage wieder modern an.
All jenen, die sich einen sachhaltigen thematischen Überblick verschaffen wollen, kommt die vorliegende Publikation gerade recht; sie verweist auf ein von Kunstbibliothek Berlin, UPM Prag und MAK Wien gemeinsam unternommenes EU-Projekt: Der Gesamtbestand an Ornamentstichen obiger Kunstinstitutionen wird kostenlos online gehen, was sowohl der Öffentlichkeit wie der wissenschaftlichen Forschung zugute kommt; gleichzeitig werden damit wesentliche Voraussetzungen geschaffen, die historischen Zusammenhänge der Ornamentik neu zu interpretieren.
Peter Noever
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